«Selbstverteidigung ist kein planloses Dreinschlagen»

Nein sagen, schreien, wegstossen und wenn nötig zwischen die Beine treten – seit 25 Jahren lernen Frauen und Mädchen in Kursen der IG Pallas, wie sie sich bei Übergriffen zur Wehr setzen können. Nun hat die IG Pallas für ihr Engagement den Prix sozialinfo.ch erhalten. Ein Besuch eines Trainings mit 10- bis 12-jährigen Mädchen im bernischen Kaufdorf.

Interessengemeinschaft Pallas

Die Interessengemeinschaft Pallas wurde 1994 gegründet mit dem Ziel, das Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit durchzusetzen. Die IG bietet in der ganzen Schweiz Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen an. Weitere Kurse richten sich an Menschen mit einer Beeinträchtigung, an Gewaltbetroffene und an über 60-Jährige. Unterrichtet wird das sinnvolle Verhalten in heiklen Situationen. Anhand von spielerischen, dynamischen Übungen trainieren die Mädchen und Frauen, wie sie ihr taktisches und technisches Verhalten verbessern können. Das Unterrichtsspektrum reicht stufengerecht von verbaler Selbstverteidigung bis hin zu gezielten Abwehrtechniken. Die IG Pallas wird durch Subventionen und Mitgliederbeiträge finanziert. Die Leitung arbeitet ehrenamtlich. Die IG Pallas arbeitet mit Partnerorganisationen zusammen, welche Kurse für Buben anbieten.

Die Szene ist eindrücklich: Der junge Mann packt das zierliche Mädchen, das vor ihm wegzurennen versucht, und hält es mit ganzer Kraft fest. Doch das Mädchen wehrt sich, tritt mit den Füssen gegen seine Beine, schlägt mit den Fäusten an seine Arme und Oberschenkel. Und es schreit. Es ist ein Schreien so schrill, dass es einem die Nackenhaare zu Berge stehen lässt. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelingt es dem Mädchen, sich loszureissen und dem Mann mit aller Wucht zwischen die Beine zu treten. Dann rennt es davon – und setzt sich herzhaft lachend zu den Freundinnen, die neben der Turnmatte im Kreis sitzen. Die 11-Jährige wurde nicht wirklich angegriffen, sie nimmt an einem Selbstverteidigungskurs der IG Pallas (siehe Infobox) teil, der in der Turnhalle der Schule Kaufdorf stattfindet. Und sie hat dem jungen Mann auch nicht wehgetan – dem massiven Schutzanzug sei Dank.

«Das war super», ruft Prisca Nydegger sichtlich begeistert. Die 44-Jährige hat vor nunmehr 20 Jahren die Ausbildung zur Pallas-Trainerin absolviert und gibt ihr Wissen seither in Selbstverteidigungskursen im ganzen Kanton Bern an Frauen und Mädchen weiter. Ob sie es denn gut finde, jemanden beizubringen, dreinzuschlagen? Nydegger muss laut lachen. «Selbstverteidigung ist nicht einfach ein planloses Dreinschlagen.» Es gehe vielmehr darum, die Mädchen und Frauen für nahende Gefahren und das Verständnis für die eigenen Gefühle zu sensibilisieren. Gerade Mädchen müssten lernen, dass sie selber über ihren Körper bestimmen, ja, dass sie nein sagen dürfen. Dieses Selbstvertrauen und das Bewusstsein für den eigenen Körper gelte es zu stärken. Wer selbstbewusst sei, strahle dies aus und werde dadurch seltener zum Opfer.  

Berührungsängste abbauen

Der Weg dorthin ist nicht für alle gleich eben. Manche Mädchen seien zu Beginn eines Kurses enorm schüchtern, hielten ihre Arme vor der Brust verschränkt – «manchmal sind sie sehr zurückhaltend», sagt Prisca Nydegger. Dann sei es wichtig, die Mädchen behutsam aus der Reserve zu locken, beispielsweise indem sie sie auffordere, ihren Namen immer lauter werdend zu sagen oder zu schreien. Auch Übungen, wie beispielsweise einander am Bein anzufassen oder einander zu schubsen, seien wichtig, um Berührungsängste abzubauen. Nach einer Weile seien die Hemmungen vergessen und «dann fliegen die Arme und es sprudelt nur so vor Energie». Dies wird auch im Kurs in Kaufdorf deutlich, als die Mädchen sich abwechselnd an den Handgelenken festhalten, um sich aus dem Griff zu lösen. Die Mädchen sind hochkonzentriert, atmen tief ein, bevor sie sich mit einer gekonnten Drehung lautstark losreissen. Wem es gelingt, sind Erleichterung und Freude anzusehen.

Solche Reaktionen sind für Prisca Nydegger «der schönste Lohn meiner Arbeit» . Wenn sie sehe, dass die Mädchen ihre Zurückhaltung ablegten und Dinge ausprobierten, die sie sich vorher nicht zugetraut hätten, dann sei das einfach nur wunderbar. Manchmal treffe sie nach Monaten oder gar Jahren auf ehemalige Kursteilnehmerinnen, die ihr dann im Detail berichteten, wie sie den Buben auf dem Pausenplatz die Leviten gelesen hätten. Oder wie sie einen Mann zurechtwiesen, der sie im Zug penetrant angestarrt hatte. «Darüber freue ich mich enorm.»

Weg aus der Ohnmacht finden

Silvia Bren kennt dieses Gefühl. Auch die Präsidentin der IG Pallas, die aus Zürich angereist ist, um dem Kurs in Kaufdorf beizuwohnen, führt seit Jahren Selbstverteidigungskurse für Frauen und Mädchen durch. Dabei habe sie oft erlebt, dass Mädchen regelrecht in ihrer Ohnmacht gefangen seien und sich aus dieser schlicht nicht befreien könnten. Gelingt es diesen, laut und deutlich Nein zu sagen, sei dies ein Riesenerfolg. Nicht jedem Mädchen müssten die gleichen  «Werkzeuge mit auf den Weg gegeben werden». Während die einen einzig lernen müssten, jemandem direkt in die Augen zu blicken, lernten andere, wie sie sich verbal verteidigen könnten. Dabei sei es wichtig, «klar und direkt, aber nicht aggressiv» zu sein, sagt Bren.

Wie nötig die Arbeit der IG Pallas ist, wird deutlich, wer die Zahlen von häuslicher und sexueller Gewalt anschaut. Jedes fünfte Mädchen hat bereits sexuelle Gewalt, jede fünfte Frau mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt erfahren. «Dagegen wehren wir uns mit aller Kraft», sagt Bren. Ganz so einfach ist dies indes nicht. Denn weil Selbstverteidigung nicht als Sport, sondern als Prävention eingestuft wird, wurden der IG Pallas in den letzten Jahren verschiedene Subventionen gestrichen. «Wir mussten mit immer weniger Mittel das gleiche Angebot aufrechterhalten», sagt Bren. Viel Sparpotenzial gebe es nicht, arbeite das Leitungsteam bereits jetzt ehrenamtlich. Die Infrastruktur werde über Mitgliedschaften finanziert.

Der Gewinn des mit 5000 Franken dotierten Prix sozialinfo.ch sei für die IG Pallas daher «ein regelrechter Segen», sagt die Präsidentin. Mit dem Geld sollen Ausbildungsmodule für angehende Trainerinnen und Trainer aktualisiert werden, damit noch viele Mädchen und Frauen in der Schweiz in den Genuss einer Selbstverteidigungsausbildung kommen. 

Erfolgserlebnisse beflügeln

In der Turnhalle sind die finanziellen Engpässe derweil weit weg. Nachdem die Mädchen auf Matten eingedroschen haben, stellen sie sich nun dem jungen Mann im Schutzanzug. Sie habe etwas Angst, dass sie das Gelernte nicht anwenden könne, sagt eine 11-Jährige. Ihre Angst ist unbegründet. Nachdem sie ihrem «Angreifer» auf den Fuss getreten ist, lässt er von ihr ab. «Mega cool», sagt sie und klatscht bei ihrer Freundin ab.

Weitere Informationen unter: https://www.pallas.ch


Finalisten des Prix sozialinfo.ch

«Peer-to-peer» – Einheimische und Flüchtlinge gemeinsam

Viele Flüchtlinge kommen als Jugendliche oder junge Erwachsene in die Schweiz – ohne Freunde und Familie. Während die Sprach- und Arbeitsintegration gut strukturiert sind, fehlt diese Struktur für die Freizeit. Hier setzt «peer-to-peer» an, ein Projekt, das vom Roten Kreuz Graubünden ins Leben gerufen wurde. Das Projekt schafft gemeinsame Freizeitmöglichkeiten für einheimische und zugewanderte junge Menschen. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind einheimische Rotkreuz-Freiwillige und Flüchtlinge mit Bleiberecht. Sie sind ähnlich jung und verbringen einen Teil ihrer Freizeit zusammen. Es wird beispielsweise gemeinsam Fussball gespielt, gejoggt oder gesungen. Das Projekt ermöglicht einen niederschwelligen und unkomplizierten Kontakt.

Weitere Informationen unter: www.srk-gr.ch/jugendfreizeitprojekte-peer-peer

Helfen, aus der Gewaltspirale auszubrechen

Ob in der Arbeitersiedlung in der Stadt, im Villenquartier in der Agglomerationsgemeinde oder im Bauernhaus auf dem Land – Gewalt kommt auch im Kanton Bern überall vor. Viele Frauen und Kinder erleben mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt. Die Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern Bern ist nicht bereit, dies zu akzeptieren. Deshalb hilft sie Frauen und Kindern dabei, sich von Gewalt zu befreien und die Erfahrungen zu verarbeiten. Gewaltbetroffenen Frauen und Kindern bietet die Stiftung Schutz und Beratung  in den Frauenhäusern in Bern und Thun. Und weil Gewalt bei Kindern besonders tiefe Spuren hinterlässt, erhalten sie ganz besonders viel Aufmerksamkeit. So  sorgen Kinderanimatorinnen dafür, dass die Kinder beschäftigt sind und ihre Sorgen beim unbeschwerten Spiel vergessen dürfen. Daneben bietet die Stiftung mit den Fachstellen Opferhilfe Lantana (Bern) und Vista (Thun) auch ambulante Beratung bei sexueller und/oder häuslicher Gewalt an und setzt auf Prävention und Öffentlichkeitsarbeit – damit das Thema Gewalt diskutiert wird und kein Tabu bleibt. 

Weitere Informationen unter: stiftung-gegen-gewalt.ch/web/